Musikergeschichte

Horn im Jauchefass

Jeden Mittwochabend findet die Probe statt. Die meisten waschechten Musiker haben diesen Wochentermin fest in ihrem Wochenplan vermerkt. Heute finden einige das vielleicht schon mal lästig, weil ja halt so viele Termine sind. Vor 30 Jahren war das jedoch anders. Grundsätzlich blieb man als junger Mann zu Hause und arbeitete dort noch, meist in der Landwirtschaft, bis in die Dunkelheit. So war die Probe im Musikverein eine willkommene Gelegenheit, neben dem Musikspiel auch einmal in der Woche ein Bier zu trinken, so dass die "Probenzeit" sich schon mal "verdoppelte". So sah das auch der Es-Horn-Spieler Willi K., der meistens bei den Letzten war, die das Probenlokal verließen. Doch eines Mittwochs fiel das Proben aus. Was nun tun, wenn man strenge Eltern hatte und doch, wie jeden Mittwoch, ein Bier trinken wollte? Kurz entschlossen nahm er sein Es-Horn, nahm es deutlich sichtbar in die Hand und stolzierte an seinen Eltern vorbei zur "Probe". Jedoch konnte er so nicht in das Vereinslokal spazieren, da ihn dann alle ausgelacht hätten, weil er vergessen hätte, dass die Probe ausfiele. So kam ihm eine Idee, als er außerhalb der Sichtweite des Elternhauses war und das leere Jauchefass seines Nachbarn "Schartmanns Hein" entdeckte. Flugs deponierte er das Horn im Inneren des Fasses für die Dauer der "Probe" und marschierte selbstbewusst ins Vereinslokal, um "ein Bier zu trinken", wie das erwachsene junge Männer gelegentlich zu tun pflegen. Nach der "Probe" entnahm er das Horn wieder dem Jauchefass und kam "wie immer" Heim. Ob Willi K. bei der nächsten richtigen Probe nicht ein wenig Mundgeruch hatte, ist nicht überliefert.

Minister ohne Notenständer

Die Vorbereitung bei Auftritten ist oft von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des Spiels. So hatte der Musikverein "Eintracht" Konzen die ehrenvolle Aufgabe, für Arbeitsminister Norbert Blüm in Bad Godesberg zum "Tag der Arbeit" am 1. Mai das musikalische Rahmenprogramm zu gestalten. Frühzeitig fuhren die Spieler mit einem Bus Richtung Bad Godesberg zur dortigen Festhalle. Rechtzeitig angekommen, packten die Musiker ihre Instrumente aus, um sich auf diesen wichtigen Termin, der auch im Fernsehen übertragen wurde, im wahrsten Sinne des Wortes einzustimmen. Doch dann kam der Schreck. Der Zeugwart hatte die Koffer mit den Notenständern vergessen. Nun war guter Rat teuer, denn das Orchester wollte sich ja von der besten Seite zeigen. Viele hatte auch keine Notengabel (Notenständer, der am Instrument befestigt wird) mit und man wollte auch nicht nur "aus dem braunen Heftchen" spielen. Für die großen Stücke benötigten die Musiker einfach einen Notenständer. Da aber auch zwei Polizeibeamte im Orchester waren, suchte man die Lösung beim "Freund und Helfer", der Bonner Polizei. Diese kam schnell mit zwei Streifenwagen, da ja am Morgen eines Feiertages kaum was los ist, und klapperte damit sämtliche bekannten Hausmeister von Schulen ab, um von dort Notenständer zu besorgen. Die Ausbeute war zwar mager, es konnten nämlich nur fünf Ständer entliehen werden, jedoch war der musikalische Einsatz durch den ungewöhnlichen polizeilichen Einsatz gesichert. Was noch fehlte, wurde mit Stühlen und ähnliche Provisorien erledigt, so dass den Anwesenden nichts aufgefallen ist. Offensichtlich haben die organisatorischen Schwächen der Konzener Blasmusik Arbeitsminister Norbert Blüm auch nicht geschadet, denn er blieb noch über 10 Jahre in diesem Amt und wir haben ihm später noch oft "den Marsch geblasen".

Hochzeit ohne Fußmaschine

Das Fest der grünen Hochzeit wird für die aktiven Spieler seit 1969 auch in der Hochzeitsmesse durch unsere "Eintracht" feierlich mitgestaltet. So auch bei Oliver H., der in einer Aachener Kirche heiratete. Gerade bei solchen Anlässen ist genügend Zeit besonders wichtig. Jedoch nahmen die Dinge hier von Anfang an einen etwas anderen Verlauf. Zunächst erschienen in Konzen schon einige Spieler auf den letzten Drücker, so dass das Schlagzeug in aller Eile auf einen Anhänger des Zeugwartfahrzeuges geladen werden musste. Unglücklicherweise wurde die Autokolonne in Aachen durch den Verkehr auseinander gerissen. Alle Musiker hatten die Kirche in der Pontstraße trotzdem gefunden und stellten sich im Chorraum auf. Der Zeitpunkt der Brautmesse war schon erreicht und der Pastor stand schon mit der ganzen Gesellschaft vor dem Portal, um mit einem feierlichen Marsch einzuziehen, es fehlte aber noch unser Zeugwart Günter K. mit dem gesamten Schlagzeug. Die Hochzeitsgesellschaft wurde um einen kleinen Aufschub gebeten, vielleicht kam er ja doch noch. Die Hoffnung war nicht vergebens, denn hinter einem hochzeitlich geschmückten, schwarzen Oldtimer kam der heiß ersehnte Zeugwart mit dem Schlagzeug gefahren. Er hatte sich in der Stadt verfahren und sich auf gut Glück dem Oldtimer angeschlossen, der das Brautpaar nach der Messe wegfahren sollte. In aller Eile wurde aufgebaut und nun kam der zweite Schreck: Die Fußmaschine der großen Trommel fehlte. Suchen war zwecklos, es musste jetzt endlich beginnen, sonst kam unser Oliver nicht unter die Haube. So spielte der Schlagzeuger nun ohne Fußmaschine, was auch am Anfang noch gut ging. Jedoch beim zweiten Stück, wo der Rhythmus etwas schwieriger war, hatte er versucht, mit den Trommelstöcken auch die "Dicke" zu spielen, was jedoch misslang, so dass die Melodie nicht in den Rhythmus kam und hängen blieb. Geübte Musiker wissen jedoch solche Situationen zu übertünchen und gute Miene zu falschem Spiel zu machen. Anschließend lief dann alles glatt und harmonisch, weil alle Spieler sehr konzentriert waren. Der Ehe hat es jedenfalls nicht geschadet. Bis heute ist dieser Aktive immer noch glücklich verheiratet .

Stillen beim Konzert

Seitdem es auch Frauen unter den Aktiven gibt, hat sich so manches im Verein geändert. Etwas ganz neuartiges passierte jedoch 1993 bei einer Konzertreise in Österreich, bei der sehr viele junge Spieler und Spielerinnen mit Kindern dabei waren. Wir hatten den ehrenvollen Auftrag "Unterm goldnen Dachl" von Innsbruck ein "Open-Air" Konzert zu geben. Es hatten sich schon viele Zuschauer eingefunden, als sich plötzlich die Flötenspielerin Barbara H. entschuldigte und erklärte, dass sie mal kurz weg müsste. Als sie nach geraumer Zeit wiederkam und mir die übliche Zeit für Bedürfnisse "herkömmlicher Art" zu lang vorkam, fragte ich sie, wo sie denn so lange gewesen sei. Darauf antwortete sie, während sie schon die Flöte in Spielpostion brachte: "Meine kleine Anna hatte Hunger. Ich war mal eben Stillen." Wegen dieser hervorragenden "Nachwuchsarbeit" war ihr Fehlen natürlich schnell erklärt, wobei jedoch festzustellen blieb, dass dies in der damals fast 120jährigen Geschichte des Vereins ein Entschuldigungsgrund war, der bis dahin noch nicht vorgekommen war.

Jubelpaar

Josef Henn, unser langjähriger Vorsitzender, war bekannt dafür, dass er bei seinen Reden sehr viel Begeisterung und Herzlichkeit verbreiten konnte. In seiner Begeisterung unterliefen ihm dabei hin und wieder auch mal Versprecher, die jedoch nie der ihm entgegengebrachten Sympathie schadeten. Als 1982 der Dorfsenior "Schütte Jännesje" (Johann Call, Am Lutterbach) 90 Jahre alt wurde, spielte auch das Blasorchester ihm zu Ehren auf. Vorsitzender Josef Henn, zugleich Ortsvorsteher von Konzen, stellte sich nach dem ersten getragenen Stück der "Eintracht" vor die Haustür, in der der Jubilar die Glückwünsche entgegennahm. Als sich ein ehrfürchtiges Schweigen über die ganze Gratulationsgesellschaft gelegt hatte, räusperte sich unser Vorsitzender und begann seine Festrede mit fester und lauter Stimme: "Hochverehrtes Jubelpaar!" Die in der Nähe weilende Tochter des Jubilars sprang schnell an die Seite ihres Vaters, als auch schon schallendes Gelächter die Festrede unterbrach. Sie rettete die Situation mit dem Angebot: "Da bön ich eben de Braut!" ("Dann bin ich eben die Braut").

Der Apfel fällt nicht weit vom Großstamm

Es war wohl in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg, als unsere damalige Streichergruppe zu Tanzveranstaltungen viel gefragt war. Mit der Mobilität war es noch nicht weit her, so dass nach einem Tanzabend in Lammersdorf die Musiker zu später (besser früher) Stunde zu Fuß über die Bahngleise den Heimweg antraten. "Lenze Jännesje" (Johann Call, Kirchenweg) hatte am schwersten zu tragen, denn er spielte in der Streichergruppe den großen Kontra-Bass. Mit diesem hölzernen "schweren Gerät" auf dem Rücken entwickelte sich ein lautes Gespräch unter den nicht mehr ganz nüchternen Musikern. Bei einer heftigen Drehung kollidierte der Kontra-Bass von Jännesje mit einer Signalstange der belgischen Bahn und brach ab. Es gibt nichts Trostloseres als einen Kontra-Bass mit einem abgebrochenen Hals, der noch von den losen Saiten gehalten wird, aber kraftlos am Resonanzboden herunterhängt. Die Stimmung war natürlich ebenfalls sofort am Boden und mit hängenden Köpfen kehrte die einst fröhliche Schar im Morgengrauen zu Hause ein. Fast genauso erging es ca. 60 Jahre später seinem Enkel Günter K., der jedoch die schwere Tuba spielte und für seine laute Stimme zu später Stunde bekannt ist. Nach einer wortreichen und lauten Nachprobe verließ er seine Kameraden an der Theke laut schimpfend, um den Heimweg anzutreten. Er hatte jedoch nicht daran gedacht, dass es während der heißen Reden an der Theke draußen inzwischen gefroren hatte und der Gehweg vor der Gaststätte spiegelglatt war. Kaum war er aus der Tür, gerade vor dem Wirtshausfenster, da lag der ach so wortreiche Tubist auf seiner "Allerwertesten", nämlich der Tuba. Dünnes Blech verzeiht solche Eskapaden kaum und sah auch entsprechend aus. Es war ein Totalschaden wie damals auf den Gleisen. Gott sei Dank war in beiden Fällen den Musikern nichts passiert und der Verein in der Lage, den Sachschaden zu beheben.

Miststreuer statt Omnibus

Die Kameradschaft untereinander wird auch viel geprägt von der Zeit vor und nach den Auftritten. So berichtet die Chronik 1953 davon, dass die Musiker nach einem Auftritt beim Grenzlandsportfest in Lammersdorf am Konzener Bahnhof den Entschluss fassten, aus dem Bus zu steigen und mit klingendem Spiel ins Dorf einzumarschieren. Ein kräftiger Regenguss dämpfte den überschäumenden Tatendrang damals jedoch abrupt. Anders hingegen verlief eine solche Hochstimmung nach einem Martinszug in Breinig ca. 30 Jahre später. Nach dem Einsatz hatten alle noch ein Bier getrunken und der Abend war noch früh und "unverbraucht", als die Spieler den Bus bestiegen. Da kam einer auf die Idee, von Konzen aus noch nach Huppenbroich zur Kirmes zu fahren. Alle waren begeistert, nicht jedoch der Busfahrer. Er hatte nämlich hierfür weder einen Auftrag noch die entsprechende Zeit. Aber die Idee war so stark, dass es kein Halten mehr gab. Reinhard Palm, unser damaliger Junglandwirt, erbot sich, sofort mit dem Trecker einzuspringen. Leider hatte er aber nur einen gesäuberten Miststreuer frei. Dies schien dem Tatendrang der Bläser aber keinen Abbruch zu tun. In Konzen angekommen, wurden schnell einige Stühle aus dem Saal geholt, auf den inzwischen eingetroffenen Miststreuer gestellt und ab gings mit der ganzen Mannschaft nach Huppenbroich zur Kirmes mit "Sang und Klang". Diese Bereicherung der Christkönigskirmes hatten die Huppenbroicher auch noch nicht erlebt und so wurde noch manches Gläschen geleert, ehe die lustigen Musikanten den Heimweg auf die gleiche Weise antraten. Offensichtlich hatten die meisten die Zugluft um diese Jahreszeit unterschätzt. Viele waren anschließend erkältet, hätten jedoch keine Sekunde dieser Zusatzfahrt missen wollen.