Blasmusik und Kirche

Die Kirche hatte bis zur französischen Revolution insbesondere im ländlichen Raum fast das Monopol als Kulturträger. Diese Bedeutung verliert sich im Laufe des 19. Jahrhunderts nur allmählich. In Deutschland führt erst der Kulturkampf, unter dem in Konzen auch Kaplan Gimken zu leiden hatte, zu einer offiziellen Trennung zwischen Kirche und Staat. Nun wurde auch die Blasmusik willkommener Träger dieser von Traditionen und tiefer Religiosität geprägten Kultur. Ausdrücklich befürwortete Pastor Peter Conrad Bonsels, von 1863 bis 1875 Pfarrer in Konzen, die Gründung des Kriegervereins und Kaplan Gimken übernahm sogar die musikalische Ausbildung der Musiker. Das Stiftungsfest des Vereins am 2. Weihnachtstag wurde nicht nur mit einem feierlichen Hochamt eingeleitet, abends wertete der Pfarrer das Fest auch noch durch seine Anwesenheit auf.

Fronleichnam

Bei der Fronleichnamsprozession wurde die "Eintracht" zuerst "gebraucht". Während der Prozession wurden Sakramentslieder gesungen und an den Stationen spielte der Musikverein abwechselnd mit dem Kirchenchor. Eine besondere Herausforderung für den Verein war die dabei oft geforderte musikalische Begleitung von Gottesdiensten im Freien, z.B. schon 1953 auf der "Sportwiese", aber auch jahrelang an der Quirinuskapelle an der Hohe Straße.

"Pfarrerflucht"

Ende der 1960er Jahre war an der Quirinuskapelle dem Pastor durch einen Windstoß bei der Kommunion eine Hostie aus dem Kelch auf den Boden gefallen. Daraufhin stellte er sich weit zurück in eine Ecke, wodurch nun keiner mehr zum Kommunionempfang kam. Darauf hin schritt er mit dem Ziborium zu seinem Auto, fuhr damit durch die Leute in Richtung Kirche und keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Chorleiter Felix Palm stellte die Frage, die alle bewegte, die zu dieser Messe unter freiem Himmel gekommen waren: "Wat nu?" Schnell waren er und Ewald Huppertz sich einig, zunächst einmal abwechselnd zu spielen und zu singen, bis einer weiter wusste. Nach geraumer Zeit hörte man wieder Motorengeräusch und unser Pfarrer erschien wieder, fuhr mit dem Auto durch die Leute, nahm sich das Allerheiligste und nun ging es so schnell die Hohe Straße herunter, dass der Kirchenvorstand Mühe hatte, den Pastor mit dem Himmel einzuholen.

Weißer Sonntag

Die Begleitung der Kommunionkinder von der Schule zur Kirche kam später als neue Aufgabe für die Musiker hinzu. Überall da, wo es besonders feierlich sein sollte, war gerade bei kirchlichen Angelegenheiten der Musikverein gefragt. In der Regel wurden seit 1950 bei dieser Prozession Sakramentslieder gespielt, die vom Volke mitgesungen wurden. Am 12.4.1953 begleitete die Blaskapelle die Kommunionkinder und die Jubilare von der Schule zur Notkirche und spielte dann dort während des Gottesdienstes die "Deutsche Singmesse". Dies war die letzte Feier in der Notkirche, denn seit 1954 gingen die Kinder schon in die neu erbaute Pfarrkirche. Seit den 1970er Jahren wünschten sich die Teilnehmer immer den Festmarsch "Tochter Zion", der seitdem fast immer gespielt wird und dadurch zum Wahrzeichen für den feierlichen Einzug in die Pfarrkirche zur Erstkommunion wurde.

Pankratius

Seit 1988, dem historischen Jahr der 1100-Jahr-Feier Konzens, wo viele Veranstaltungen neu durchdacht wurden, begleitete der Musikverein eine Prozession mit der Statue des hl. Pankratius, die vom Kirchenvorstand von der Pankratiuskapelle über die Konrad-Adenauer-Straße zur Kirche getragen wurde. Damit unterstrich man den feierlichen Charakter des Patronatsfestes. Seit dieser Zeit wird auch hin und wieder das feierliche Hochamt durch Blasmusik mitgestaltet.

Echternacher Springprozession

Seit 1978 begleitet das Blasorchester am Pfingstdienstag die Region Eifel bei der Echternacher Springprozession nach Luxemburg. Obwohl für die meisten Spieler keine Ferien sind, kommen wegen des schönen Gemeinschaftserlebnisses immer genug zusammen, um diese geschichtsträchtige Wallfahrt mitzumachen. Der Ablauf hat sich in über 20 Jahren nicht wesentlich geändert. Morgens um 7.00 Uhr fährt man mit einem Bus, den die Regionalstelle organisiert hat, über die Eifel nach Echternacher Brück auf der deutschen Seite. Dort steigen die Musiker mit ihrem Anhang aus, gehen über die Brücke nach Echternach auf den dortigen Kirmesplatz, der schon voller Kram-, Imbiss- und Schaustellerbuden steht. Um die Wartezeit vor dem Einordnen zu überbrücken, nehmen die Musiker Platz in einem Zeltimbiss direkt vor dem Portal der Abtei. So warten die Musiker den rechten Zeitpunkt der Aufstellung nach dem Durchzug der Betergruppen ab. Wegen der vielen Fliegen, die immer im Zelt sind, bekam dieser Imbiss bald den Namen "Fliegenbude". Nach dem Einordnen in die ca. 40 - 50 Gruppen (mit je ca. 100 - 200 Teilnehmern) im Abteihof spielt der Verein dann den "Echternacher Springprozessionsmarsch", den alle 30 - 40 Kapellen in unterschiedlichster Besetzung immer wiederholen. Blockflöten, Geigen sind genauso anzutreffen wie Akkordeongruppen und natürlich Blasmusikorchester aus vielen Ländern. Ungefähr 15 - 18 Mal wird derselbe Marsch durch Echternach mit den ca. 400 - 600 Teilnehmern unserer Gruppe "Region Eifel" gespielt, dann schreitet jede Gruppe feierlich in die Abteikirche, sogar unter Polizeianleitung, ein. Dort spielt jedes Orchester so lange, bis sich das nächste aufgestellt hat. Damit ist die Springprozession eigentlich beendet. Für die Region Eifel wird aber in Bollendorf oder Irrel ein Mittagessen organisiert, um dann am Nachmittag noch ein weiteres Ziel zwischen Luxemburg, Trier oder Prüm anzusteuern, wo wir eine Abendmesse in Zusammenarbeit mit Regionalkantor Stoffels gestalten. Mit einem kleinen Ständchen nach dem Gottesdienst treten alle frohgemut den Heimweg an. Durch diesen Fahrten sind dem Verein mehrere Personen ans Herz gewachsen: Zunächst Pater Roland aus Vossenack1, der immer am Mittwoch davor zur Probe kam und alles Organisatorische klärte. Meistens teilte er uns als Begleiter Bruder Klaus-Dieter ein, der ausgezeichnet "mit Blasmusikern" umgehen konnte. Es entstand darüber hinaus ein sehr herzlicher Kontakt zum Weihbischof August Peters aus Aachen, dem wir traditionsgemäß nach der Abendmesse vor dem jeweiligen Kirchenportal immer das Lied "Oh du lieber Augustin" spielten. Er gab uns dann meistens ein Trinkgeld genau wie Regionaldekan Caspar Seeger, der ebenfalls ein herzliches Verhältnis zur Konzener Musik hat. Leider ist Weihbischof August Peters 1986 recht früh verstorben.

Heimbach

Mit Pfarrer Henn wurde die Pilgerfahrt nach Heimbach 1952 neu belebt. Natürlich war dabei auch der Musikverein gefragt. Nachts um 01.30 Uhr gingen die Pilger mit den Musikern in Konzen auf den ca. 30 km langen Pilgermarsch mit allen Musikinstrumenten, ob klein oder groß. Sobald es etwas dämmerte, das war meistens in Strauch, sangen die Pilger mit Blasmusikbegleitung das erste Lied. Mit ein wenig Stolz, aber auch Schadenfreude, schauten die Konzener auf die erschrockenen Gesichter der Straßenanwohner hinter den Fenstern, die von der Blasmusik um diese ungewöhnliche Zeit jedes Mal neu überrascht waren. Über den Buhlert bis nach Heimbach dabei z.B. eine Tuba zu tragen, war sicherlich eine beachtenswerte Leistung, die sich heute kaum einer mehr vorstellen kann. In Heimbach angekommen, ist es für alle Teilnehmer ein erhebendes Gefühl, wenn das Lied "Wunderschön Prächtige" von den Hauswänden zurückschallt. Hin und wieder wurde auch noch die Pilgermesse durch die Blasmusik verschönert. Desto besser schmeckt anschließend der "Stramme Max" in der Pilgerkneipe an der Ecke. Den absoluten Härtetest erlebten die Musiker beim anschließenden Kreuzweg, oft bei glühender Hitze, den steilen Berg hinauf nach Mariawald. Als Belohnung freute sich jeder auf eine leckere Erbsensuppe in der Klosterschenke mit einem kräftigen Schluck aus dem Bierkrug. Wenn alle satt waren, hatte die Pfarre einen Bus bestellt, der Musiker, Pilger und Nachgekommene zurück nach Konzen fuhr. Dort gab es immer einen Empfang durch die Bevölkerung und den Pfarrer, der mit den Messdienern, Kreuz und Fahnen die erschöpfte Schar feierlich zu einem sakramentalen Segen in die Kirche geleitete. Seit den 1960er Jahren geht die Prozession wegen des zunehmenden Verkehrs nicht mehr über Strauch und Schmidt, sondern am Rursee vorbei und der Musikverein begleitet die Pilger dann erst ab Schwammenauel bis nach Heimbach und nach Mariawald. Die Zahl der Pilger nahm von Jahr zu Jahr ab. Wenn nicht der Musikverein mit Fahne und Begleitung manchmal dabei gewesen wäre, hätte es manchmal schlecht ausgesehen. Ab 1992 wurde der Kreuzweg nach Mariawald nicht mehr durchgeführt und es fand auch keine gemeinsame Rückfahrt mit Abholen durch den Pfarrer mehr statt. Mit der 8.00 Uhr Pilgermesse wird nunmehr die Wallfahrt abgeschlossen. Bis zum heutigen Tage ist der Musikverein jedoch noch Garant für den Erhalt und die Feierlichkeit dieser kirchlichen Traditionsveranstaltung. Ob dies so bleibt, erscheint mehr als fraglich, weil der Zeitgeist mit Wohlstand und Freizeitüberflutung dagegen arbeitet.

Pfarrfest

1952 hatte es schon auf der Schulstraße ein Pfarrfest als Patronatsfest zum Wiederaufbau der Pfarrkirche gegeben, an dem sich auch der Musikverein beteiligte. Seit 1980 wird in ähnlicher Form rund um die Kirche ein Pfarrfest veranstaltet. Zunächst ging es um die Finanzierung einer größeren Orgelreparatur und ab 1989 um das Krankenhausprojekt des indischen Heimatbistums von Pfarrer Dr. Francis Chirayath. Auch hier war der Musikverein sofort zur Stelle und gestaltete das Pfarrfest mit. Als Besonderheit konnte jeder für 5.- DM eine richtige Blasmusik eigenhändig dirigieren. Dabei wunderten sich die Zuhörer: Entweder war der Dirigent überflüssig oder aber die Musiker sattelfest genug, denn es wurde immer richtig gespielt.

Besondere Anlässe

Alle neuen Pfarrer in Konzen wurden nicht nur von der Bevölkerung sondern auch mit der "Musik" begrüßt. Dies war schon 1952 so, als Pfarrer Johannes Henn nach Konzen kam , wie auch bei Franz Jansen 1961 , Josef Stieler 1972, Pfarrverwalter Lenzen 1980 und Dr. Francis Chirayath 1987. Die Primizen von Robert Frings und Bruno Rosenwick wurden ebenso mit der "Eintracht" musikalisch umrahmt. Bei den Einweihungen der neuerbauten Pfarrkirche St. Peter und Pankratius 1953, sowie des Neubaus der Qurinuskapelle an der Hohe Straße am 11.6. 1968 und der neuen Marienkapelle am Feuerbach am 8.9.1968 waren stets die Blasmusiker dabei. Als Pfarrer Chirayath 60 Jahre alt wurde, spielte unser Jugendorchester zum ersten Mal in neuen Sweat-Shirts und 1997 bei seinem 10jährigen Ortsjubiläum trat das große Orchester in der Kirche und auf dem Weg zum Saal auf. Wenn ein Bischof aus Aachen oder Indien Konzen besuchte, unterstrich besonders der Musikverein mit seinem Spiel den feierlichen Rahmen, um die Bedeutung und Hochachtung des Gastes richtig zu würdigen. So ist der Musikverein in vielfältiger Weise bei kirchlichen Veranstaltungen mit eingebunden. Bisher war diese Zusammenarbeit auch immer sehr harmonisch. Je nach Einstellung der Pfarrer zur Blasmusik war dieses Verhältnis mal enger oder weiter. Die Zeichen der Zeit stehen allerdings nicht günstig für die Fortentwicklung des Verhältnisses zwischen Kirche und Musik. Das öffentliche christliche Leben befindet sich auf dem Rückzug und spiegelt sich auch bei den aktiven Musikern wieder. Nicht alle Spieler kennen mehr die Melodien, die früher Allgemeingut waren und nun schnell unterschätzt werden. Die Beziehung zur Kirche unterliegt einem grundsätzlichen Wandel auch in einem Dorf wie Konzen. Die dramatisch zurückgehenden Besucherzahlen der Gottesdienste belegen diese Entwicklung. Auf der anderen Seite zieht sich die Amtskirche manchmal in ihr "Schneckenhaus" zurück und versteht die Probleme des modernen Alltags nicht mehr zu erklären. Menschliche Schwächen auf allen Seiten tun ein Übriges. Dies sind keine guten Voraussetzungen für einen Fortbestand dieser 125jährigen Beziehung.